Er macht Tanzmusik abseits des Mainstream, und findet doch immer wieder den grossen gemeinsamen Nenner: Die Rhythmen von Matias Aguayo stecken praktisch jeden an. Wir trafen den deutsch-chilenischen Produzenten im Rahmen des Red Bull Music Academy Thursday zum Interview.
Interview: Bjørn Schaeffner & Adrian Schräder
Matias Aguayo, Ihr beschreibt die Musik Eures Labels Cómeme als «utterly devoted to the darkside of the mirrorball» und sagt gleichzeitig «it keeps a certain wanderlust». Was bedeutet das?
(Schmunzelt) Nun, diese Beschreibung ist nicht von mir. Aber lasst mich versuchen das kurz zu umreissen: Wir haben immer versucht, komplett frei an Tanzmusik heranzugehen, frei auch von Genres zu sein. Mit unseren spontan organisierten Strassenpartys in Lateinamerika versuchen wir zum Beispiel, elektronische Tanzmusik aus dem gewohnten Kontext herauszuholen und in eine Alltagssituation zu setzen. Damit kann man die Welt vielleicht nicht grundlegend ändern, aber man kann wenigstens einen Dialog herstellen.
«Wanderlust» ist ein wunderschönes Lehnwort aus dem Deutschen. Hat es für Dich und Deine Labelkollegen auch eine wörtliche Bedeutung?
Ja, wir sind fast alle Weltenbummler. Wir sind ein sehr internationales Label. Viele Künstler stammen aus Lateinamerika, aber auch aus Köln. Wir versuchen immer etwas Neues zu machen. Wenn man in Bewegung ist, dann ändert sich eben auch die Perspektive.
Bist Du selbst auch ein Wanderer, ein Fussgänger?
Ja, auch das. Ich habe mich immer gerne in Städten aufgehalten, wo man sich zu Fuss bewegen kann statt aufs Auto angewiesen zu sein. In Köln, wo ich hauptsächlich lebe, ist das natürlich gut möglich. Aber da ist man in zwanzig Minuten ja auch schon durch (lacht). Buenos Aires ist gut begehbar, auch Paris, wo ich eine Zeit lang gelebt habe. Glasgow finde ich auch toll. Überhaupt Städte, die nicht zwingend grosse Metropolen sind, aber die musikalisch eine eigene Stärke haben, dank einer natürlich gewachsene Szene.
Wie wichtig ist die Musikgeschichte Südamerikas für euer Label?
Natürlich ist das Rhythmusgefühl in Südamerika viel ausgeprägter, weil es eine viel stärkere Tradition hat, und das haben auch die meisten Cómeme -Künstler aufgesogen. In Kuba wachsen die Kinder mit den Timbales von Tito Puente auf, während in Deutschland im Kindergarten noch «Alle meine Entchen» gesungen wird...
Kann man dank Rhythmen denn auch wieder mehr Kind sein?
Klar. Überhaupt mit Musik. Musik erzeugt einen Raum, in dem man noch frei ist, wie ein Kind. Es ist extrem wichtig, sich das aufrecht zu erhalten. Gerade weil wir in einer Welt leben, die ja völlig übermedialisiert ist.
Welchen Rhythmus hatte denn deine Kindheit?
Einen sehr Vielseitigen! Ich bin in Deutschland mit chilenischen Eltern aufgewachsen. Die haben lateinamerikanische Musik gehört, aber auch die Beatles. Als Teenager habe ich New Wave gehört. Später Disco und Funk. Als ich dann Techno und House entdeckte, war das für mich ein Ort, wo alles möglich war. Da gabs keinen Widerspruch mehr zwischen dunkler Elektronik und heisser Rhythmik. Es war dann eigentlich alles möglich.
Du hast vor einigen Jahren mit dem Track "Minimal" den fehlenden Groove auf den damals von Minimal Techno dominierten Tanzflächen beklagt. Ist die Lage besser geworden?
Was besser geworden ist, dass die Leute heute weniger wissen, was sie hören wollen, früher war das viel definierter. Ich glaube, dass man heute einem Publikum mehr zumuten kann, dass man es mehr überraschen kann. Ja, dass die Leute mehr Überraschung wollen. Das finde ich eigentlich sehr positiv.
Wenn Du Rhythmen produzierst, wie gehst Du da vor?
Also gerade wenn man Tanzmusik macht, sind die Rhythmen natürlich das allerwichtigste. Wenn der Rhythmus aber einem vordefinierten Computerschema folgt, traue ich dem Ganzen nicht. Ich denke beim Produzieren an die Tänzer. Daran, wie sie ihren Körper zu meiner Musik bewegen. Ich weiss genau, welche Sounds welche Körperteile ansprechen.
Dein Sound lebt stark von deiner Stimme. Wie kommt das?
Ich glaube, die Stimme ist das Instrument, das ich am besten beherrsche. Vieles geht von meiner Stimme aus, eigentlich komponiere ich so. Wenn ich über einen Basslauf nachdenke, werde ich zuerst versuchen, ihn singen und dann nachzuspielen. Das Album «Ay Ay Ay» besteht ja eigentlich nur aus meiner Stimme: Zuerst wollte ich die mit der Stimme erstellten Tracks durch Instrumente ersetzen, aber dann hat mir das Ergebnis so gut gefallen, dass ich so gelassen habe. Im Moment arbeite ich an meinem neuen Album, da werde ich einen anderen Weg einschlagen.
Wird es wieder auf dem Label Kompakt erscheinen?
Nein, diesmal bringen wir es auf Cómeme heraus.
Zu guter Letzt: Hast Du noch einen Musiktipp für uns?
Ich mache halt ein Label, und darum liegt es in der Natur der Sache, dass ich euch Künstler von Cómeme empfehle: Von Alejandro Paz kommt bald eine schöne Maxi. Und eine von Dany F aus Medellin. Ausserdem erscheint in Kürze ein Album von Daniel Maloso.
Mehr Infos auf redbulljazznote.ch
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