Red Bull Flugtag - Luzern 2011

«Seid geizig mit dem Leim, sonst wird der Flieger zu schwer»

Team Verkehrshaus Luzern Chanute

Ein Team des Verkehrshauses Luzern baut in reiner Handarbeit einen Vierdecker, wie er schon ende des 19. Jahrhunderts von Sanddünen am Lake Michigan abhob. Der Bauplan stammt von Octave Chanute (1832 – 1910), einem Ingenieur und einem der Wegbereiter des Flugzeugbaus. Am 3. September 2011 wird einer seiner Gleiter am Red Bull Flugtag zu neuem Leben erweckt. Und wie!

Chefkonstrukteur ist Henry Wydler, ehemals Leiter der Sammlung des Verkehrshauses und nach wie vor wandelndes Luftfahrtlexikon: «Ich habe Chanutes Flugzeug neu interpretiert. Eines meiner Ziele war, mit modernen Materialien zu arbeiten, die man in jedem Baumarkt kaufen kann.» Er entschied sich für ein Material namens Depron: Hartschaumplatten, die man zur Wärmedämmung, aber auch im Modellflugzeugbau verwendet. An den kritischen Stellen kommen etwas stabilere Hohlträgerkammer-Platten dazu. Das ganze 5.7 Meter breite und 3.7 Meter lange Flugzeug mit seinen vier übereinander liegenden Tragflächen wird nur gerade 30 Kilo wiegen.

Baustart im Verkehrshaus
Sechs Männer und eine Frau, alle Angestellte des Verkehrshauses, schneiden und kleben den «Chanute» genannten Gleiter zusammen. Von Dreiecken mit wenigen Zentimetern Kantenlänge bis zu zwei Meter langen Stücken schneiden sie nach Wydlers Plänen dutzende von Einzelteilen und fügen diese an einem regnerischen Dienstag zum ersten von acht Flügeln zusammen. Urs Gysin arbeitet im Ausstellungsbau und ist das handwerkliche Gewissen des Teams. Andere wie Finanzchef Thomas Barthelt, Designer Beat Stalder, Projektleiter Damian Amstutz oder Sammlungsleiter Daniel Geissmann haben sehr viel seltener Messer und Leimspachtel in den Händen. Am Werktisch wachsen sie schnell in ihre Aufgaben hinein, ziehen die Klingen ruhig durch die weissen Platten und streichen Klebstoff auf die markierten Flächen. «Seid geizig mit dem Leim, sonst wird der Flieger zu schwer», mahnt Henry Wydler.

Da spitzt besonders das siebte Teammitglied die Ohren: Andrea Herzog aus der Abteilung Kongresse baut nicht nur am Flieger mit, sondern wird diesen über den See pilotieren. Anders gesagt: Ihre Kollegen werden sie im «Chanute» über den Rand des sechs Meter hohen Startpodests hinaus schieben, und dann übernimmt die Schwerkraft. Die Hobby-Halbmarathonläuferin ist topfit und leicht, was sie für den Pilotensitz prädestiniert. «Spontan sagte ich: Nein, das mache ich nicht mit», erinnert sie sich an die erste Anfrage, «Aber dann liess ich mich doch überzeugen. Man kann seine Kollegen ja nicht im Stich lassen!»

Operation Weltrekord
Entscheidend wird sein, wie gut es gelingt, den «Chanute» zu beschleunigen. «30 km/h sind nötig, damit er fliegt», weiss Henry Wydler. Und der grazile Vogel soll sich nicht nur in der Luft halten können, sondern richtig weit fliegen. Das Team Verkehrshaus will den Red Bull Flugtag-Weltrekord des Teams «Major Trouble and the Dirty Dixies» aus Minneapolis von 63 Metern übertreffen. 70 Meter sollen es werden. Am 3. September 2011, am Red Bull Flugtag in Luzern oder knapp 101 Jahre nach Octave Chanutes Tod, könnte eines seiner Modelle erneut zum Mass der fliegenden Dinge werden. Der Aviatikpionier, der die Entwicklung der Luftfahrt zumindest teilweise vorausgesehen hat, hätte damit wohl kaum gerechnet.
 

Weitere Informationen zum Team Verkehrshaus Luzern Chanute gibts hier!


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