Felix Baumgartner will diesen Sommer im freien Fall die Schallmauer durchbrechen. Dr. Jonathan Clark, medizinischer Leiter des Projekts, erklärt, welche Kräfte auf den Körper des Extremsportlers einwirken werden.
Das wetterbedingt optimale Zeitfenster für das Baumgartners erregende Projekt Red Bull Stratos erstreckt sich von Juli bis September. Der 43-jährige Österreicher wird innerhalb dieser Monate versuchen, den weltrekordbrechenden Sprung von einem Heliumballon aus einer Höhe von ca. 36'576 Metern zu absolvieren. Währenddessen werden wertvolle medizinische Daten für die Forschung gesammelt.
Von 0 auf 1.125 km/h in 30 Sekunden. Laut Dr. Clark, einem sechsfachen Space-Shuttle-Crew-Chirurg der NASA, hat das Team jeden möglichen körperlichen Effekt, der während der kritischen Phasen der Mission auftreten kann, untersucht. Ein Schwerpunkt in der Vorbereitung war die Phase, in der Baumgartners Körper die Schallmauer durchbricht und dann wegen der zunehmend dichteren Atmosphäre wieder rasch abbremst.
(c) Jörg Mitter/Red Bull Content Pool
Nach den Berechnungen des Teams wird Baumgartner in nur 30 Sekunden von 0 auf fast 1'125 km/h beschleunigen. Die Vielzahl an Herausforderungen in Zusammenhang mit diesem Projekt verdeutlicht, warum der derzeitige Rekord für den höchsten freien Fall aus 21'333 Metern, aufgestellt vom U.S. Air Force Colonel Joe Kittinger, seit 52 Jahren ungeschlagen ist.
Der medizinische Leiter, der auch am Baylor College of Medicine und an der Universität von Texas unterrichtet, hat eine persönliche Vorliebe für das Vorhaben von Felix Baumgartner. Er war selbst Fallschirmspringer bei einer U.S. Spezialeinheit. Mit ungeheurer Leidenschaft für die Sicherheit von Flugzeugen und Raumfahrtzeugen, war Dr. Clark auch Mitglied des Teams, das den Unfall des Columbia Space Shuttle untersuchte. „Wir werden Felix sicher zurückbringen und die Welt daran teilhaben lassen, was wir über die Ausrüstung, die Abläufe und die physiologischen Reaktionen gelernt haben, damit andere ebenso sicher von öffentlichen und privaten Raumfahrtprogrammen zurückkehren können.”
Dr. Clark sprach von weiteren herausfordernden physiologischen Momenten für Baumgartner, dessen Daten während der Mission Red Bull Stratos genau überwacht und dokumentiert werden. Es gibt mehrere kritische Phasen während des Aufstieges und des freien Falles. Damit die Kapsel und der 55 Stockwerke hohe Ballon sicher aufsteigen können, darf der Wind beim Start nicht stärker als 3 bis 6 km/h sein. Während der ersten 300 Meter kann Baumgartner keinen Notausstieg machen, weil sich der Rettungsfallschirm in dieser geringen Höhe nicht öffnen würde.
Beim Testsprung aus 21'818 Metern im März 2012 flog Baumgartner durch einen Teil der Stratosphäre, in dem die Temperatur auf minus 68 Grad Celsius fiel. „Felix wird in einer Höhe von über 36'500 Metern eine fast weltraumgleiche Umgebung erleben, mit einem Vakuum und extremer Kälte. Bei seinem letzten Sprung haben wir minus 68 Grad Celsius erreicht. Bei diesem niedrigen Druck muss Felix einen Druckanzug tragen, um zu überleben.
Der Anzug schützt ihn ausserdem vor der Kälte”, so Dr. Clark. „Seine Hände wurden während des freien Falls kalt. Man stelle sich einmal den Wind Chill bei über 1.100 km/h und minus 68 Grad Celsius vor! Die Hände waren nach der Landung ok. Sein Anzug steht unter einem Druck von 0,24 bar, was dem Druck in einer Höhe von rund 10'700 Metern entspricht. Alle physiologischen Veränderungen, die Felix während des Sprunges widerfahren, sind vorübergehend und lösen sich auf, sobald er auf der Erde landet.“ Das Team arbeitet gerade an einer Lösung, wie Felix während des gesamten Abstieges seine Hände trotzdem bewegen kann.
Auf dem Weg hinauf, bei rund 19'200 Metern, wird Baumgartner die „Armstrong Linie“ überqueren. Das ist der Punkt, ab dem der Luftdruck so gering wird, dass Körperflüssigkeiten ohne den Schutz eines Anzuges oder einer Kapsel verdampfen würden, in anderen Worten bei normaler Körpertemperatur „kochen“ würden. Dr. Clark: „Zur Veranschaulichung stelle man sich vor, wie Soda in der Flasche aussieht, bis man sie öffnet und den Druck ablässt. Dann kommen Blasen hervor und strömen zur Spitze. Im Grunde ist es genau das, was im Blut und Gewebe von Felix passieren würde, wenn seine lebenserhaltenden Systeme versagen würden. Das kann dann sehr schnell tödlich enden.“
Die Bedrohung Flat Spin. Auf dem Weg hinunter, so Dr. Clark, haben die Wissenschaftler alle möglichen Massnahmen getroffen, damit Baumgartner nicht ins Trudeln („Flat Spin“) gerät. „Flat Spin ist eine echte Bedrohung. Die primären Bedenken bei einem Flat Spin gelten den Augen, dem Gehirn und dem kardiovaskularen System.
Wenn der obere Teil des Körpers das Zentrum der Rotation ist, rauscht das Blut schnell zu den Füssen, was eine Ohnmacht zur Folge haben kann. Wenn die Rotation im unteren Teil des Körpers angesiedelt ist, fliesst das Blut ganz schnell Richtung Kopf, was einen Zustand zur Folge haben kann, der „Red Out“ genannt wird. Die Auswirkungen reichen von grossem Druck im Kopf bis hin zur Augenblutung und Gehirnblutung. Je länger das Trudeln dauert, desto gefährlicher wird es.“
(c) Jörg Mitter/Red Bull Content Pool
Während des Testsprungs aus über 21'800 Metern konnte Baumgartner seine Stabilität sehr effektiv kontrollieren, indem er auf seine Skydiving-Fähigkeiten zurückgriff. Als Schutzmassnahme hat er ein speziell entwickeltes Fallschirmsystem mit einem Messgerät, das den Bremsfallschirm automatisch auslöst, sobald er länger als sechs aufeinanderfolgende Sekunden 3,5 G erreicht. Er kann den Bremsschirm auch manuell auslösen, indem er einen Knopf an seinem Handschuh drückt.
Baumgartner hat viele Jahre damit verbracht, die Risiken zu studieren und sich mental und körperlich vorzubereiten. „Im freien Fall die Schallmauer zu durchbrechen ist eine Pionierleistung. Pionier zu sein erfordert Risiko. Ich muss mich nicht in Gefahr bringen um glücklich zu sein. Aber ich brauche die Herausforderung. Das ist der ultimative Skydive!“ Sein Mentor Joe Kittinger, U.S. Air Force Colonel im Ruhestand und aktueller Rekordhalter, ist sicher, dass sein Protegé erfolgreich sein wird. „Ich sage zu Felix immer, dass er die drei V braucht – Vertrauen in sein Team, Vertrauen in seine Ausrüstung und Vertrauen in sich selbst. Zurzeit hat er all das.”
Weitere Infos:
www.redbullstratos.com
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