Natascha Badmann

«Ich war wohl etwas zu dankbar, um mein Tempo durchzuziehen»

Natascha fliegt wieder. Nicht ganz so schnell wie früher, als sie den Ironman Hawaii serienweise gewann. Mit 44 Jahren wird sie an den Ironman Weltmeisterschaften 14. Viel wichtiger für sie: Vier Jahre nach ihrem schweren Unfall auf Hawaii hat sie dort wieder das Ziel erreicht und dabei Glück in einer neuen Dimension erlebt.

Wie fühlst du dich, ein paar Tage nach deiner Rückkehr nach Hawaii?

Ich fühle mich toll. Ein Zeh ist dabei, sich zu entzünden, der braucht jetzt mal ein bisschen Pflege.

Dass die Füsse leiden, gehört zum Geschäft, nicht wahr?

Toni musste mich nach dem Ironman Hawaii auch schon drei Tage lang tragen, weil ich nicht mehr gehen konnte. Dieses Jahr geht es mir so gut, dass ich die Pflege der Füsse vernachlässigt habe, deshalb rebelliert jetzt ein Zeh.

Wie war dein Gefühl während des Rennens?

Meinst du vom Schwimmstart weg bis ins Ziel?

Ja, nimm uns mit auf deinen Ironman!

In Hawaii um halb sieben Uhr früh ins Wasser zu steigen ist, im Gegensatz zur Schweiz, ja schon ein schönes Erlebnis. Ich schwamm dann in einer Gruppe mit einem guten Tempo. Ich dachte: Das gibt eine gewaltige Schwimmzeit! Auf der zweiten Streckenhälfte merkte ich, dass wir mit der Strömung raus geschwommen waren und jetzt gegen die Strömung kämpften. Aber Atmung und Haltung waren gut und ich kam guter Dinge aus dem Wasser. Dass ich nach dem Schwimmen einigen Rückstand auf die Spitze habe, bin ich ja gewohnt.

Wie lief's auf dem Rad?

Die ersten zwei Stunden fuhr ich sehr schnell, ich war übereuphorisch. Auf der zweiten Hälfte konnte ich den Druck nicht aufrechterhalten, bekam Probleme mit der Ernährung und extremen Durst. Ich versuchte mental noch mehr aus mir herauszuholen, war aber nicht frustriert, als das nicht ging. Trotzdem war meine Radzeit besser als die von Mirinda Carfrae, die am Schluss Zweite wurde.

Wie ging der Marathon aus?

Als ich loslief, fühlte ich mich super. Ich erwartete auch von mir, dass ich das Anfangstempo würde durchziehen können. Das gelang nicht. Vor ein paar Monaten, am Ironman Lanzarote lief ich schneller, dabei war ich hier auf Hawaii in besserer Form. Ich wusste, dass ich es kann, musste dann aber doch meine Grenzen an diesem Tag akzeptieren.

Wie war es auf die Zielgerade einzubiegen?

Das Glücksgefühl setzte schon zehn Kilometer vor dem Ziel ein. Da wusste ich, dass ich es schaffen würde. Von da an breitete sich eine riesige Dankbarkeit aus gegenüber den Leuten, die mir ermöglicht haben, an diesem Tag hier zu sein und den Ironman zu finishen. Auch deshalb war ich nicht mehr so konzentriert darauf, mein Tempo hochzuhalten. Fünf Minuten schneller oder weniger schnell spielten keine Rolle mehr. Dazu gehört auch, dass ich die letzten 50 Meter spazierend geniessen wollte und nicht bis ins Ziel durchlief.

Kurz vor dem Wettkampf hast du gesagt, du seist nicht auf dem Leistungszenit, mit mehr Zeit könntest du noch stärker werden. Wirst du dir diese Zeit geben?

Ich habe noch Reserven. Meine Trainingswerte zeigen, dass ich schneller Rad fahren und Laufen kann. Aber ich brauche jetzt erstmal eine Pause. Seit meinem Unfall habe ich mir nie Zeit genommen, Abstand zu nehmen. Das heisst nicht, dass ich das Training sein lasse. Ich sage auch noch nicht, dass ich nächstes Jahr nicht nach Hawaii gehe.

Heisst das, du hast seit deinem Unfall sogar mehr trainiert, oder mit deinem Körper gearbeitet als davor?

Ja, aber auf eine andere Art. Ich musste ja alles neu lernen, Technikschulung machen, Detailarbeit am Körper, die ein gesunder Athlet nicht braucht.

In verschiedenen Schweizer Medien war zu lesen, dass das deine Abschiedsvorstellung vom Ironman Hawaii war.

Ich weiss nicht, wie die darauf kommen. Es wurde auch geschrieben, dass ich gar nicht in Hawaii starten würde oder dass ich geheiratet habe. Es sind dieses Jahr Dinge in meinem Leben passiert, von denen ich selber gar nichts mitgekriegt habe!
Das Rennen war sicher der Abschied von meinem Unfall. Ich lege mich noch nicht fest, ob ich nächstes Jahr wieder als Profi an den Start gehe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr in Hawaii zu starten. Die älteste Teilnehmerin ist 70. Ich habe noch etwas Zeit.

Wie haben die Leute auf Hawaii darauf reagiert, dass du zurück bist?

Es war grandios. An der Nationenparade vor dem Rennen jubelten mir die Leute zu, Helfer sprachen mich an, ich war auf der Titelseite einer lokalen Zeitung. Während des ganzen Wettkampfs riefen Leute meinen Namen!
Ein besonderes Erlebnis hatte ich beim Physiotherapeuten. Dort lag das Poster des Ironman 2006, auf dem ich abgebildet bin. Das Poster war von mir signiert. Der Physiotherapeut sagte, die Frau, der dieses Poster gehöre, wünsche sich, dass ich es nochmals unterschreibe. Ich fragte warum, das habe ich doch schon gemacht. Er antwortete: für die Frau sei es noch viel wertvoller, wenn ich es nochmals unterschriebe, jetzt wo ich wieder zurück sei.

Warst du vor dem Wettkampf nervös, oder überwog schon da die Freude?

Ich habe mich gefreut, wie gut es mir körperlich geht, wie gut alles läuft. Ich dachte, wenn das so ist, kann ich ja noch zwanzig Jahre weitermachen. Nur schlafen konnte ich in der Nacht vor dem Rennen nicht. Da war ich, ohne es vorher zu merken, doch noch nervös geworden.

Was machst du in den nächsten Tagen?

Wir reisen bald ab. Ich will noch einmal im Meer schwimmen. Vielleicht habe ich Glück und sehe Delfine. Ich will noch eine Runde Rad fahren und mich von Hawaii verabschieden. Ich werde die Blumenkränze, die ich erhalten habe, an einem schönen Ort ablegen und mich so bei der Insel bedanken.

Wie geht es zuhause weiter?

Ich nehme mir genug Zeit, zu überlegen und zu planen, was ich mache. Ich habe ja schon gesagt, dass ich ein Buch schreiben will über meine Erfahrungen. Das möchte ich angehen.

Wie sieht dein Trainingsplan aus?

Im Moment habe ich keinen. Aber sobald ich Toni sage, welchen Wettkampf ich als nächstes machen will, wird er einen schreiben. Jetzt kümmere ich mich erstmal um meinen Zehennagel und schliesse das Alte ab, bevor ich Neues anfange.

Schweizer Fernsehen - Sport Lounge vom 10.10.2011
 


Kommentare

    Einen Kommentar hinzufügen

    * Alle Felder müssen ausgefüllt werden
    Es sind nur 2000 Zeichen erlaubt :
    Gib das Word auf der linken Seite ein und klicke auf "Kommentar abschicken".

    Artikel Details