BC One Champion Neguin erzählt im Interview, was man in einem Workshop lernt, wie gut die Ostschweizer tanzen und worauf sein Tanzstil fusst.
Neguin, was war Dein Eindruck von den Teilnehmern dieses Workshops?
Ihr Einsatz hat mir sehr gefallen. Sie wollen wirklich etwas lernen. Sie waren vielleicht etwas schüchtern, aber wenn man ihnen in die Augen geschaut hat, sah man sofort, dass sie alles aufgesaugt haben, was ich ihnen erzählt habe. Solche Schüler sind der Grund, wieso ich mein Wissen weitergeben möchte.
Gibt es eigentlich grosse Unterschiede zwischen den Teilnehmern solcher Workshops in verschiedenen Ländern?
Ich nehme die Teilnehmer immer als Individuen wahr. Jeder ist einzigartig, jeder hat seinen eigenen Charakter. Und natürlich spielt auch der kulturelle Hintergrund eine Rolle. In Polen wachsen die Kids anders auf als in der Schweiz, in der Schweiz wiederum anders als in Brasilien. Jedes Land, jede Region ist unterschiedlich. In diesem Workshop habe ich viel Potential gesehen. Aber sie müssen noch mehr an ihrem Tanz, an ihrem Ausdruck arbeiten und so viele Workshops wie möglich besuchen.
Was kann man mit einem zweistündigen Workshop bewirken?
Einiges. Das Meiste mit Worten. Deswegen rede ich so viel. Es würde nichts bringen, wenn ich ihnen zwei Stunden lang irgendwelche komplizierten Moves zeigen würde.
Was ist das Ziel eines solchen Workshops?
Mein Ziel ist es, ihnen zu vermitteln, was Tanz bedeutet. Sie sollen sich fragen, wieso sie tanzen, wer sie überhaupt sind, was ihre Identität ausmacht. Ich glaube, sie lernen viel über die Einstellung, die man haben muss.
Bedeutet das, man soll seinen kulturellen Hintergrund einfliessen lassen?
Man soll vor allem seine Persönlichkeit ausdrücken. Wenn der kulturelle Hintergrund für einen selbst eine grosse Rolle spielt, dann auf jeden Fall. Bei mir ist das so: Ich habe im Alter von 5 Jahren mit Samba und Capoeira angefangen und unterrichte auch seit einigen Jahren. Da war es für mich logisch, das auch ins B-Boying einzubringen. All diese Dinge machen mich aus. Aber auch Kampfsport gehört dazu oder Filme, die ich gesehen habe oder Menschen, die ich getroffen habe. Alles, was meine Persönlichkeit ausmacht, fliesst in den Tanz.
Sehr viele der Teilnehmerfragen betrafen deine Lebensumstände, und nicht konkrete Probleme beim Tanzen. Wieso?
Weil ich die Leute inspiriere. Sie mögen meine Art zu tanzen, sie mögen meinen Tanzstil. Sie wollen wissen, wie das alles zusammenhängt. Sie wollen wissen, wie ich mich ernähre, wie ich trainiere, wie ich meinen Alltag gestalte. Das ist nur logisch, denn Tanzen ist eine Lebenseinstellung. Das gehört alles zusammen.
Bist Du der beste B-Boy der Welt?
Ich habe letztes Jahr den wichtigsten Einzelwettkampf im B-Boying gewonnen. Deswegen bin ich für viele momentan der beste B-Boy der Welt. Für mich selber zählt viel mehr, dass ich mich richtig ausdrücken kann. Ich bin nicht nur B-Boy, sondern vor allem Künstler – und Kunst kann man schwer mit einem solchen Titel bewerten.
Wie oft lernst du einen neuen Move?
Ständig. Jeden Tag, jede Minute, jeden Moment. Ich kann zu allem tanzen, alles mit einer Bewegung ausdrücken.
Wie hast Du B-Boying gelernt?
Am Anfang ganz für mich alleine. Ohne Internet, ohne Lehrer. Mit einer Videokassette. Hab alles nachgemacht, was ich dort gesehen habe. Inspiriert von Oldschool B-Boys. Das war hart. Aber jetzt bin ich stolz.
Könnten diese Jugendlichen aus St. Gallen, die Du eben unterrichtet hast, auch BC One Champions werden?
Sicher, kein Problem. Sie sind die Zukunft. Wenn sie dranbleiben und hart, hart trainieren, könnten sie in ein paar Jahren auf meinem Niveau sein. Und wenig später dann noch besser.
Verbringst Du derzeit eigentlich die meiste Zeit mit Workshops?
Mein Leben ist der Tanz. Das beinhaltet Workshops, Shows, Wettkämpfe – alles Mögliche. Seit fünf Jahren bin ich mehr oder weniger ständig unterwegs. Ich lebe aus dem Koffer.
Was gefällt Dir am meisten an diesem Leben?
Das Reisen. Ich möchte die Welt sehen, mit verschiedenen Leuten in Kontakt kommen und von ihnen lernen.
Letzte Frage: Wirst Du nochmals beim BC One antreten?
Ja, ich bin dieses Jahr in St. Petersburg wieder dabei.
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